Jancee Pornick Casino in Regensburg

Flyer für Jancee Pornick Casino sind fertig. Watch out! Aber noch besser – sagt es Euren Freunden. Nichts geht doch über das persönliche Gespräch. Jancee Pornick sind schon heiß auf Regensburg. Im Tiki Beat haben wir den besten Laden für diese Band gefunden. Mit The Restless einen aufstrebenden Support-Act aus dem Hause Ghost Town Noize. Kurzum – an dem Abend ist der place to be das Tiki Beat! Wir sehen uns.

Neues für 2016?

Gibt ja derzeit nicht soviele Bands, die uns interessieren. Sicher, Ana Tijoux, aber beim Management ist man sich zu fein, auf unsere Mails zu reagieren. Wobei Ana die dasgutekonzert-Linie schön weiterführen würde – chilenischer, organischer Hip-Hop.  Das wäre eine Weiterentwicklung zu unserem bisherigen Schaffen – zu all den südamerikanischen Ska-Bands die wir bisher gebucht haben (allen voran Karamelo Santo, Panteon Rococo, La Vela Puerca). Aber Ana ist vielleicht auch schon zu groß für Regensburg. Schade. Trotzdem – give it a try – hört euch mal ein paar Songs an, dann seid ihr schon textsicher, falls es 2016 doch klappen sollte.

Ansonsten gibt es noch keine großen Visionen – außer CEDRON. CEDRON schaffen es tatsächlich, einen in den Bann zu ziehen, und das mit Musik, die im besten Fall als Folterinstrument eingesetzt werden könnte. Sie nennen es melodischer Hardcore, die frühen Alben haben noch deutlich metallischen Charakter und klingen auch etwas diffus. Mit dem jetzt vorab veröffentlichten Song TIME HEAL MY WOUNDS haben sich CEDRON endlich gefunden und packen alles in einen Song, was guten HC ausmacht, und was REFUSED hätten auch tun sollen: Kein überflüssiger prätentiöser Schnick-Schnack, nur ein Hauch von Melodie, rausgeklappte Lungenflügel, glühende Stimmbänder, Breaks an den richtigen Stellen, Half-Time Parts, schließlich völlige Extase, Eruption, Explosion. Wir sind Fan! C. u. in the pit 2016!

Poison Idea – Regensburg

Ein Straubinger Künstler (Peter S.) hat dieses schicke Motiv für den Poison Idea Flyer geliefert. Wir danken. Update: Band bzw. Promoter hat der Flyer offensichtlich so gefallen, dass sie den Pickelhaubentotenkopf gleich nochmal für ein Konzert in den Staaten verwendet haben. Diebstahl oder tiefe Verbeugung vor unserem Künstler?

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Rage.

Ich tauche mit dieser mystischen Schönheit in das Regensburger Nachtleben. Es ist immer das gleiche Spiel. Wir kennen uns noch nicht sehr lange, banale Dinge wie gemeinsam Weggehen sind noch aufregend, neu, ungeplant. Wir probieren unbekannte Kneipen aus, es gibt ja soviele in Regensburg. Neuland. Terra incognita. Das hat den Vorteil, sich voll und ganz aufeinander einlassen zu können, weil man keine Bekannten trifft. Diesmal gehen wir in die No.7 Bar.  Man leistet sich einen Türsteher, aha, kommt nicht jeder rein. Wir schon. Innen drin, alles schön rot ausgepinselt und so wie man sich einen Club vorstellt. Viele Spiegel, hübsches Thekenpersonal, obligatorisch tätowiert. Ü30-Publikum.
Wir quälen uns in den hinteren Teil durch. Vorbei an der Lounge wo man lässig im Sessel seinen Martini schlürfen kann, in das Herz einer jeden Kneipe – da, wo der DJ die Besoffenen dirigiert. Hier legt ein junger Cap-Träger auf, natürlich hat er keine Platten dabei, aber ein schickes MacBook. Und irgendwann biegt er bei seinen Elektroausflügen in die Heavy Rock Avenue ab.  „Cut my life into pieces, this is my last resort“, trällert Jocoby Shaddix von Papa Roach schon aus den Boxen, im Anschluss kommt Dookie von Green Day. Mir wird etwas mulmig im Magen. Manche Dinge funktionieren nicht, wenn man sie zu sehr will. Das gilt erst recht beim Auflegen. Aber er will es.  Und dann passiert es. Seine Komposition aus Billboard-Charts kulminiert in „Killing in the name of“ von Rage Against The Machine. Man wird heute schwerlich einen Enddreißiger finden, der nicht irgendwann einmal zu „Wake up“, „Bombtrack“ und natürlich „Killing in the name of“ in der Provinz-Großraumdisko seines Vertrauens abgepogt hat. Und das war irgendwann auch das Problem an dieser Band – ihre Mainstreamtauglichkeit. Aber ihr Erstlingswerk war einfach zu genial und die Nevermind-geschwängerte Luft der Neunziger hinterließ einen extrem fruchtbaren Nährboden für diese Mischung aus Hip-Hop, Metal und Funk. Völlig zurecht setzte der amerikanische Rolling Stone das Album auf Platz 368 der besten Alben aller Zeiten (zur Einordnung – L.A. Woman von den Doors ist auf dem Siegertreppchen eine Stufe vor Ihnen, Platz 367). Den Einfluss auf die Musikgeschichte muss Sam Dunn („Metal Evolution“, „A Headbangers Journey“) analysieren. Aber an Rage against the Machine kam man in den 90ern nicht vorbei. Nicht auf der Klassenfahrt, nicht auf der Geburtstagsparty, nicht im Jugendzentrum. Ihr politisches Engagement ging trotz Frank-Bsirske-mäßigem Schäumen des Sängers leider immer etwas unter, dennoch auch hier – volle Punktzahl. Aber das ist lange her. Man wird heute schwerlich eine Enddreißiger finden, den nicht das gleiche stromlinienförmige Schicksal wie seine Generation ereilt hat: Haare abschneiden, Abitur, Zivildienst, Studium, Heirat, 1,38 Kinder, Haus bauen, SUV, Kredit zurückzahlen, fröhliches Angela-Merkel-Land. Da braucht es dann am Wochenende wohl einen DJ, der die Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit weckt. Das scheint mit „Killing in the name of“ vorzüglich zu klappen. Und siehe da – plötzlich pogen diese schmerbäuchigen FDP-Wähler, die neben uns im Eck gestanden haben, lassen sich vom Beat tragen auf einer Welle harmonischer Einigkeit und skandieren mit gestreckter Faust „Fuck you, I won’t do what you tell me“. So als wollten Sie es ihrer Ehefrau, oder ihrem Boss entgegenbrüllen. Dieser Anblick ist schon fast so irritierend wie einst Volker Kauders Gesangseinlage von „An Tagen wie diesen“, als die Union ihren Wahlsieg mit dem Song der Toten Hosen feierte. Es gibt Lieder, die von den Falschen gesungen werden. Und es gibt Songs, die von den Falschen falsch gesunden werden. Und als wäre dieses Bild von übergewichtigen, sich wie Zuchtbullen anspringenden Bankangestellten nicht schon bizarr genug, singen diese jetzt ausgerechnet bei der Textzeile „And now you do what they told’ya“ laut „jetzt leih ma du deine Turnschua“. Ich kannte diese Unart leider schon, wenn auch nur passiv-rezeptiv. Da meine Begleitung des Bayerischen nicht mächtig ist, übersetze ich ihr, was meine an BSE-erkrankten Mitmenschen gerade aus dieser Hymne machen. Sie ist geschockt bis fassungslos. Die Welt war in Ordnung, solange sie dieses bajuwarische Gestammel nicht dekodieren konnte. Nie wieder wird sie diesen Song unbeschwert hören können, er ist entehrt. Für immer. Ich habe „Killing in the name of“ ein zweites Mal sterben sehen. Bis ich das, was man mit 1,8 Promille aus diesem Song machen kann, verstehe, brauche ich mindestens noch 1,38 Kinder, eine Heirat und einen SUV vor dem Eigenheim. Bis dahin gehen wir in andere Kneipen, es gibt ja soviele davon, in Regensburg.

 

Gilbert A. Schuster
PS: Nachfolgende Apples Version ist hard funk. Vor 2 Jahren noch lustig beim Auflegen. 

The Aggrolites

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The Aggrolites (Foto: Stefan Penninger)

The Aggrolites kommen wieder nach Regensburg. Wir haben nach langem Hin- und Her wieder den Zuschlag bekommen, das freut uns sehr. Sofort posten wir auf facebook, dass es wieder geklappt hat. Eine gewisse Martha Mödl (Geschlecht und Name von der Redaktion geändert) schreibt: „Kommen die jetzt jedes Jahr?“, und weiter: „Ich finde halt, dass Regensburg mehr Potential hat, als immer nur The Aggrolites“. Mh…ach so. Gut, buchen wir sie dann nicht? Ich denke – schon! Es ist dann das – OMG – dritte Mal. Und ganz ehrlich – wir machen Konzerte, weil wir die Bands lieben, die wir veranstalten. Nicht weil es einer finanziellen Logik folgt, oder sich in den Kulturentwicklungsplan der Stadt einfügt. Wir haben damit begonnen, weil es uns ums Gestalten geht. Um Teilhabe. Das ist meistens ein Draufzahlgeschäft, dafür geht manchmal der Sommer- und vielleicht sogar der Winterurlaub drauf, aber solange es Spaß macht geht kein Weg daran vorbei. Schön, dass wir dann die Adressaten für Beschwerden werden – es zeigt, dass man uns die Kraft zutraut, etwas voranzubringen. Aber – ein Punk-Ethos war ja immer D I Y, – Do it yourself. Mach es selbst. Mach es besser. Sei Teil von einer positiven Idee. Schalte den Fernseher aus und geh raus aus deiner Comfort Zone. Du musst dabei nicht mal selbst ein Konzert veranstalten, aber du kannst die unterbezahlten Musiker und gebeutelten Veranstalter mit deinem Eintritt unterstützen.  Fänden wir sinnvoller als von der Couch aus querzuschießen.

Gilbert A. Schuster

Hades‘ Harfe

Verregnete Tage, Hochwasser, trübe Stimmung. Zeit für maximales Frustshoppen, natürlich in Münchens bestem Vinylviertel, – dort wo man Musik nicht zwischen Zahnbürsten und Kaffeemaschinen kaufen kann und die Musikgeschäfte Namen tragen wie  Schallplattenzentrale oder Echt Optimal.  Das sind Orte mit besonderer Atmosphäre, weil keine Datenträger verkauft werden, sondern homöopathische Stimmungsaufheller, kulturelle Äußerungen. Hier wird der Umgang mit Musik noch in seine Einzelhandlungen zerlegt, kultische Handlungen vollzogen, hier treffen sich Eingeweihte, verschworene Gemeinschaften, die lieber hundert Euro für die Dave Brubecks live @Carnegie Hall-LP löhnen, als hundert Songs bei iTunes kaufen. Und aus genau dem selben Grund nervt das Optimal auch so brutal. Das merke ich wieder, als sich neben mir an den Turntables ein Enddreißiger breitmacht. Er legt Mulatu Astatke auf, wackelt ordentlich mit den Beats mit. Und weil er so down ist mit Mulatu, fängt er an diversen Stellen dieser wehrlosen schwarzen Scheibe zu scratchen an (sic!, sick!). Jesus Christus im Himmel…

Scout Niblett, Performance in Munich, June 2013

Scout Niblett, Performance in Munich, June 2013

Ich verlasse die Turntableecke und suche Neues bei Ninja-Tunes, da höre ich dieses Album, das vom Optimal-Menschen gerade aufgelegt wird. Eine zarte Frauenstimme oszilliert durch die Plattenregale, unterschwellig aggressiv, melancholisch. Extrem reduziert. Die Gitarre erinnert mich an eine schlecht geölte Motorsäge, so spielt man Harfe im Hades. Alle Instrumente haben viel Raum und die Musik klingt, als hätte man sie in einer verfallenen nordenglischen Arbeiterfabrik aufgenommen: einsam und verlassen.  Das ist heftig, aber ich werde magisch angezogen. Weg vom Funk-Regal, weg vom Afrobeat, weg von Ska und Punk, hin zu dieser Frau. Denn mit  Dendemann möchte man sagen  „auch nach tausend Mal bleibt eins die derbste Zahl“, und dieser Sound ist einmalig, und ich bin eins mit diesem Sound. Oh gnädiger Zufall, hab dank. Nicht nur gibt es dieses Stück Musik noch auf Vinyl, nein, der gute Plattenseller glänzt auch noch mit Insiderwissen: „Scout Niblett spielt jetzt dann in München“.

Ein paar Tage später ist es soweit. Sie tritt tatsächlich in München auf, im Strom. Beim Betreten des Clubs läuft Audioslave. Das Publikum ist eher feminin, die Jungs eher weißbärtig, ein paar davon könnten Jimi Hendrix noch live gesehen haben; ansonsten heterogen alternativ. Sehr angenehme Atmosphäre. Die Bühne ist karg, das Schlagzeug, ein zerfleddertes Sonor aus den 80ern ohne Resonanzfelle, steht fast direkt am Bühnenrand, die Musiker haben offensichtlich keine Berührungsängste mit ihrem Publikum. Like. Und dieses Knistern in der Luft, unglaublich. Als Scout die Bühne betritt, sagt niemand ein Wort. Das ganze Strom hält die Luft an. Keiner will einen Ton von ihr versäumen, keinen Hauch, keinen Mucks. Die Masse – vereint in dieser zerebralen Erwartungshaltung, dieser kollektiven Empfängnis, – starr vor Freude. Scout Niblett steht etwas verloren auf der Bühne und hat es einfach, dieses Etwas, diese Magie, die frei wird, wenn sie an ihrer brummigen Gitarre reißt. Mit geschlossenen Augen besingt Sie Ihr Scheitern, verarbeitet Ihre Beziehungsschwierigkeiten und Sehnsüchte und lässt sich dabei ganz tief in die Seele schauen. Manche spielen das auf der Bühne, aber sie ist es voll und ganz. Bei ihr verschwimmen die Erzählperspektiven, ihr nimmt man die Psychopathin leider wirklich ab, die sie in Ihren Texten gibt („I think, I’m gonna buy me a gun“). Im Widerspruch zu ihrer schüchternen Erscheinungsweise bekommen ihre Lyriks dann diese Wucht, weil man nicht mit dieser Melancholie rechnet, und deshalb umso stärker in ihren Sog aus Verbitterung und Elend schlittert („but I want to surrender/I want the tears to come/the sooner they start/the sooner I’ll be done“).

Natürlich vergeht dieses Konzert viel zu schnell, was immer ein guter Indikator für gute Konzerte ist.  Ich missachte nörgelnde Fans mit ihrem „in Hamburg war sie viel besser“-Gejaule, und bitte darum, mich nicht von meinem Hochplateau zu holen. Was für ein Abend, was für eine großartige Künstlerin. Zum unglücklich verlieben.

Andy Krumbiegel