Der Plattensammler

Der Plattensammler ist kein rationales Wesen. Erst gestern habe ich wieder einen getroffen und zur eigenen Beruhigung festgestellt, dass ich nicht alleine bin mit dieser eigentümlichen Art der Dekadenz: Er berichtete von seinen impulsgestörten Plattenkäufen, und dass er mangels Zeit gar nicht dazu komme, alle Scheiben anzuhören. Etwas Ähnliches ist mir diese Woche auch passiert. Ich stöberte etwas in meinem Plattenregal herum, vorbei an Bob Marley’s Babylon by Bus, über die Reissue von Hot Water Music’s – Forever and Counting und die ewig unterschätzte (weil weitgehend unbekannte) Barkmarket – The Easy Listening Lp. Hin zum Schwermetall, hinweg über Geschwindigkeitsbeschränkungen, Abfahrt Hardcore, politisch, intelligent, schnörkellos. Da stand sie vor mir –  Propagandhi – Failed States. Einsortiert und eingeschweißt! Niemals angehört. Es ist nicht ohne Ironie, dass das genau bei Propagandhi passiert. Einer Band, die für ihren kämpferischen Antikapitalismus bekannt ist. (Ich habe mir die Platte zwischenzeitlich öfter als sonst angehört, quasi als Wiedergutmachung). Während ich mich noch mit Propagandhi’s typischem nicht-repetitiven Songwriting beschäftige und mich frage, ob ihnen ihr „How to clean everything“-Stil, den sie spätestens seit der „Today’s Empires, Tomorrow’s Ashes“ abgelegt haben, nicht besser stand, lese ich in Harald Welzers „Selbst denken“ ein paar intelligente Gedanken, die die Situation nicht besser beschreiben könnten. Er setzt sich darin kritisch mit unreflektiertem Konsumismus auseinander, einer Kultur des „ALLES IMMER“ und – ganz Sozialpsychologe – liefert auch zahlreiche Erklärungsmodelle dafür. Von assumptive world (Alfred Schütz), bis hin zum Phänomen der Dissonanzreduktion (Leon Festinger). Mit wissenschaftlichem Ethos widmet er sich der ganzen Fülle an Paradoxien, die menschliches Handeln kennzeichnen. Der westliche Konsumbürger könne „ein SUV fahren, die Grünen wählen, „links“ sein, seine Kinder bio ernähren und beglänzt davon sein, welchen Lebensstandard er zu beanspruchen das Privileg hat.“ Die Kernaussage des Buchs lässt sich freilich auch mit Slipknot’s IOWA-Klassiker paraphrasieren: „People equal Shit“. Oder Bad Religion’s „We’re only gonna die for our own arrogance“. Welzer pflichtet Hartmut Rosa bei, der eine zunehmende Entmaterialisierung des objektivierten kulturellen Kapitals beobachten will. Der Kapitialismus habe eine neue Stufe erreicht, bzw. Menschen kreiert, die kaufen, aber nicht mehr konsumieren, weil die „Steigerung der Verfügbarkeit all jener Güter und Dienstleistungen, von denen man potentiell Gebrauch machen kann (…)“ zu dem Problem führe, dass die Zeit, diese Konsumgüter tatsächlich zu nutzen, immer geringer werde. Aber auch bei Lebensmitteln lasse sich diese Tendenz erkennen. 30 bis 40 Prozent der Nahrungsmittel würden in westeuropäischen Ländern und in Nordamerika schon nicht mehr gegessen oder getrunken, sondern nur noch entsorgt werden, weil man zuviel davon eingekauft hätte. Hallo? Welzer formuliert diesen Irrsinn so schön bezeichnend, dass man ihn zitieren muss: „Der Käufer, der sein Biolachsfilet so lange im energieeffizienten A++-Kühlschrank vergisst, bis das Haltbarkeitsdatum überschritten ist und er es daher entsorgen zu müssen glaubt, fungiert ja lediglich noch als Depot, um das Produkt für die Zeitspanne zwischen Produktion und Entsorgung zu lagern“. Die Produkte konsumierten schließlich den Konsumenten – seine Zeit, seine bezahlte Energie, die von ihm unterhaltene Infrastruktur.

Zweifelsohne gehören Schallplatten noch zum alten Kanon objektivierter Kulturgüter. Sie sind noch nicht die in virtuellen unendlichen Speichern abgelegten „Möglichkeitsräume“ von Rosa. Aber sie führen zum gleichen Problem – ihr Konsum ist an Zeit gebunden. Im Gegensatz zum Nahrungsmittel ist ihr Haltbarkeitsdatum zwar nicht begrenzt (lassen wir die Abnutzungserscheinungen von geschliffenen Diamantnadeln auf Vinylchlorid beiseite). Dennoch auch hier – die Kultur des „ALLES IMMER“ hat auch hier Bereiche erobert und eingemeindet, die dafür zu schade sind. Egal ob Biolachs oder Propagandhi. Musik ist ja schließlich auch ein Lebens-Mittel.

Unten: Dead Kennedys – Frankenchrist; die Abbildung im Sleeve stammt von Winston Smith

Jancee Pornick Casino in Regensburg

Flyer für Jancee Pornick Casino sind fertig. Watch out! Aber noch besser – sagt es Euren Freunden. Nichts geht doch über das persönliche Gespräch. Jancee Pornick sind schon heiß auf Regensburg. Im Tiki Beat haben wir den besten Laden für diese Band gefunden. Mit The Restless einen aufstrebenden Support-Act aus dem Hause Ghost Town Noize. Kurzum – an dem Abend ist der place to be das Tiki Beat! Wir sehen uns.

Neues für 2016?

Gibt ja derzeit nicht soviele Bands, die uns interessieren. Sicher, Ana Tijoux, aber beim Management ist man sich zu fein, auf unsere Mails zu reagieren. Wobei Ana die dasgutekonzert-Linie schön weiterführen würde – chilenischer, organischer Hip-Hop.  Das wäre eine Weiterentwicklung zu unserem bisherigen Schaffen – zu all den südamerikanischen Ska-Bands die wir bisher gebucht haben (allen voran Karamelo Santo, Panteon Rococo, La Vela Puerca). Aber Ana ist vielleicht auch schon zu groß für Regensburg. Schade. Trotzdem – give it a try – hört euch mal ein paar Songs an, dann seid ihr schon textsicher, falls es 2016 doch klappen sollte.

Ansonsten gibt es noch keine großen Visionen – außer CEDRON. CEDRON schaffen es tatsächlich, einen in den Bann zu ziehen, und das mit Musik, die im besten Fall als Folterinstrument eingesetzt werden könnte. Sie nennen es melodischer Hardcore, die frühen Alben haben noch deutlich metallischen Charakter und klingen auch etwas diffus. Mit dem jetzt vorab veröffentlichten Song TIME HEAL MY WOUNDS haben sich CEDRON endlich gefunden und packen alles in einen Song, was guten HC ausmacht, und was REFUSED hätten auch tun sollen: Kein überflüssiger prätentiöser Schnick-Schnack, nur ein Hauch von Melodie, rausgeklappte Lungenflügel, glühende Stimmbänder, Breaks an den richtigen Stellen, Half-Time Parts, schließlich völlige Extase, Eruption, Explosion. Wir sind Fan! C. u. in the pit 2016!

Poison Idea – Regensburg

Ein Straubinger Künstler (Peter S.) hat dieses schicke Motiv für den Poison Idea Flyer geliefert. Wir danken. Update: Band bzw. Promoter hat der Flyer offensichtlich so gefallen, dass sie den Pickelhaubentotenkopf gleich nochmal für ein Konzert in den Staaten verwendet haben. Diebstahl oder tiefe Verbeugung vor unserem Künstler?

Poison_Idea_Flyer_Regensburg_web_2015

Rage.

Ich tauche mit dieser mystischen Schönheit in das Regensburger Nachtleben. Es ist immer das gleiche Spiel. Wir kennen uns noch nicht sehr lange, banale Dinge wie gemeinsam Weggehen sind noch aufregend, neu, ungeplant. Wir probieren unbekannte Kneipen aus, es gibt ja soviele in Regensburg. Neuland. Terra incognita. Das hat den Vorteil, sich voll und ganz aufeinander einlassen zu können, weil man keine Bekannten trifft. Diesmal gehen wir in die No.7 Bar.  Man leistet sich einen Türsteher, aha, kommt nicht jeder rein. Wir schon. Innen drin, alles schön rot ausgepinselt und so wie man sich einen Club vorstellt. Viele Spiegel, hübsches Thekenpersonal, obligatorisch tätowiert. Ü30-Publikum.
Wir quälen uns in den hinteren Teil durch. Vorbei an der Lounge wo man lässig im Sessel seinen Martini schlürfen kann, in das Herz einer jeden Kneipe – da, wo der DJ die Besoffenen dirigiert. Hier legt ein junger Cap-Träger auf, natürlich hat er keine Platten dabei, aber ein schickes MacBook. Und irgendwann biegt er bei seinen Elektroausflügen in die Heavy Rock Avenue ab.  „Cut my life into pieces, this is my last resort“, trällert Jocoby Shaddix von Papa Roach schon aus den Boxen, im Anschluss kommt Dookie von Green Day. Mir wird etwas mulmig im Magen. Manche Dinge funktionieren nicht, wenn man sie zu sehr will. Das gilt erst recht beim Auflegen. Aber er will es.  Und dann passiert es. Seine Komposition aus Billboard-Charts kulminiert in „Killing in the name of“ von Rage Against The Machine. Man wird heute schwerlich einen Enddreißiger finden, der nicht irgendwann einmal zu „Wake up“, „Bombtrack“ und natürlich „Killing in the name of“ in der Provinz-Großraumdisko seines Vertrauens abgepogt hat. Und das war irgendwann auch das Problem an dieser Band – ihre Mainstreamtauglichkeit. Aber ihr Erstlingswerk war einfach zu genial und die Nevermind-geschwängerte Luft der Neunziger hinterließ einen extrem fruchtbaren Nährboden für diese Mischung aus Hip-Hop, Metal und Funk. Völlig zurecht setzte der amerikanische Rolling Stone das Album auf Platz 368 der besten Alben aller Zeiten (zur Einordnung – L.A. Woman von den Doors ist auf dem Siegertreppchen eine Stufe vor Ihnen, Platz 367). Den Einfluss auf die Musikgeschichte muss Sam Dunn („Metal Evolution“, „A Headbangers Journey“) analysieren. Aber an Rage against the Machine kam man in den 90ern nicht vorbei. Nicht auf der Klassenfahrt, nicht auf der Geburtstagsparty, nicht im Jugendzentrum. Ihr politisches Engagement ging trotz Frank-Bsirske-mäßigem Schäumen des Sängers leider immer etwas unter, dennoch auch hier – volle Punktzahl. Aber das ist lange her. Man wird heute schwerlich eine Enddreißiger finden, den nicht das gleiche stromlinienförmige Schicksal wie seine Generation ereilt hat: Haare abschneiden, Abitur, Zivildienst, Studium, Heirat, 1,38 Kinder, Haus bauen, SUV, Kredit zurückzahlen, fröhliches Angela-Merkel-Land. Da braucht es dann am Wochenende wohl einen DJ, der die Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit weckt. Das scheint mit „Killing in the name of“ vorzüglich zu klappen. Und siehe da – plötzlich pogen diese schmerbäuchigen FDP-Wähler, die neben uns im Eck gestanden haben, lassen sich vom Beat tragen auf einer Welle harmonischer Einigkeit und skandieren mit gestreckter Faust „Fuck you, I won’t do what you tell me“. So als wollten Sie es ihrer Ehefrau, oder ihrem Boss entgegenbrüllen. Dieser Anblick ist schon fast so irritierend wie einst Volker Kauders Gesangseinlage von „An Tagen wie diesen“, als die Union ihren Wahlsieg mit dem Song der Toten Hosen feierte. Es gibt Lieder, die von den Falschen gesungen werden. Und es gibt Songs, die von den Falschen falsch gesunden werden. Und als wäre dieses Bild von übergewichtigen, sich wie Zuchtbullen anspringenden Bankangestellten nicht schon bizarr genug, singen diese jetzt ausgerechnet bei der Textzeile „And now you do what they told’ya“ laut „jetzt leih ma du deine Turnschua“. Ich kannte diese Unart leider schon, wenn auch nur passiv-rezeptiv. Da meine Begleitung des Bayerischen nicht mächtig ist, übersetze ich ihr, was meine an BSE-erkrankten Mitmenschen gerade aus dieser Hymne machen. Sie ist geschockt bis fassungslos. Die Welt war in Ordnung, solange sie dieses bajuwarische Gestammel nicht dekodieren konnte. Nie wieder wird sie diesen Song unbeschwert hören können, er ist entehrt. Für immer. Ich habe „Killing in the name of“ ein zweites Mal sterben sehen. Bis ich das, was man mit 1,8 Promille aus diesem Song machen kann, verstehe, brauche ich mindestens noch 1,38 Kinder, eine Heirat und einen SUV vor dem Eigenheim. Bis dahin gehen wir in andere Kneipen, es gibt ja soviele davon, in Regensburg.

 

Gilbert A. Schuster
PS: Nachfolgende Apples Version ist hard funk. Vor 2 Jahren noch lustig beim Auflegen. 

The Aggrolites

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The Aggrolites (Foto: Stefan Penninger)

The Aggrolites kommen wieder nach Regensburg. Wir haben nach langem Hin- und Her wieder den Zuschlag bekommen, das freut uns sehr. Sofort posten wir auf facebook, dass es wieder geklappt hat. Eine gewisse Martha Mödl (Geschlecht und Name von der Redaktion geändert) schreibt: „Kommen die jetzt jedes Jahr?“, und weiter: „Ich finde halt, dass Regensburg mehr Potential hat, als immer nur The Aggrolites“. Mh…ach so. Gut, buchen wir sie dann nicht? Ich denke – schon! Es ist dann das – OMG – dritte Mal. Und ganz ehrlich – wir machen Konzerte, weil wir die Bands lieben, die wir veranstalten. Nicht weil es einer finanziellen Logik folgt, oder sich in den Kulturentwicklungsplan der Stadt einfügt. Wir haben damit begonnen, weil es uns ums Gestalten geht. Um Teilhabe. Das ist meistens ein Draufzahlgeschäft, dafür geht manchmal der Sommer- und vielleicht sogar der Winterurlaub drauf, aber solange es Spaß macht geht kein Weg daran vorbei. Schön, dass wir dann die Adressaten für Beschwerden werden – es zeigt, dass man uns die Kraft zutraut, etwas voranzubringen. Aber – ein Punk-Ethos war ja immer D I Y, – Do it yourself. Mach es selbst. Mach es besser. Sei Teil von einer positiven Idee. Schalte den Fernseher aus und geh raus aus deiner Comfort Zone. Du musst dabei nicht mal selbst ein Konzert veranstalten, aber du kannst die unterbezahlten Musiker und gebeutelten Veranstalter mit deinem Eintritt unterstützen.  Fänden wir sinnvoller als von der Couch aus querzuschießen.

Gilbert A. Schuster