Hades‘ Harfe

Verregnete Tage, Hochwasser, trübe Stimmung. Zeit für maximales Frustshoppen, natürlich in Münchens bestem Vinylviertel, – dort wo man Musik nicht zwischen Zahnbürsten und Kaffeemaschinen kaufen kann und die Musikgeschäfte Namen tragen wie  Schallplattenzentrale oder Echt Optimal.  Das sind Orte mit besonderer Atmosphäre, weil keine Datenträger verkauft werden, sondern homöopathische Stimmungsaufheller, kulturelle Äußerungen. Hier wird der Umgang mit Musik noch in seine Einzelhandlungen zerlegt, kultische Handlungen vollzogen, hier treffen sich Eingeweihte, verschworene Gemeinschaften, die lieber hundert Euro für die Dave Brubecks live @Carnegie Hall-LP löhnen, als hundert Songs bei iTunes kaufen. Und aus genau dem selben Grund nervt das Optimal auch so brutal. Das merke ich wieder, als sich neben mir an den Turntables ein Enddreißiger breitmacht. Er legt Mulatu Astatke auf, wackelt ordentlich mit den Beats mit. Und weil er so down ist mit Mulatu, fängt er an diversen Stellen dieser wehrlosen schwarzen Scheibe zu scratchen an (sic!, sick!). Jesus Christus im Himmel…

Scout Niblett, Performance in Munich, June 2013

Scout Niblett, Performance in Munich, June 2013

Ich verlasse die Turntableecke und suche Neues bei Ninja-Tunes, da höre ich dieses Album, das vom Optimal-Menschen gerade aufgelegt wird. Eine zarte Frauenstimme oszilliert durch die Plattenregale, unterschwellig aggressiv, melancholisch. Extrem reduziert. Die Gitarre erinnert mich an eine schlecht geölte Motorsäge, so spielt man Harfe im Hades. Alle Instrumente haben viel Raum und die Musik klingt, als hätte man sie in einer verfallenen nordenglischen Arbeiterfabrik aufgenommen: einsam und verlassen.  Das ist heftig, aber ich werde magisch angezogen. Weg vom Funk-Regal, weg vom Afrobeat, weg von Ska und Punk, hin zu dieser Frau. Denn mit  Dendemann möchte man sagen  „auch nach tausend Mal bleibt eins die derbste Zahl“, und dieser Sound ist einmalig, und ich bin eins mit diesem Sound. Oh gnädiger Zufall, hab dank. Nicht nur gibt es dieses Stück Musik noch auf Vinyl, nein, der gute Plattenseller glänzt auch noch mit Insiderwissen: „Scout Niblett spielt jetzt dann in München“.

Ein paar Tage später ist es soweit. Sie tritt tatsächlich in München auf, im Strom. Beim Betreten des Clubs läuft Audioslave. Das Publikum ist eher feminin, die Jungs eher weißbärtig, ein paar davon könnten Jimi Hendrix noch live gesehen haben; ansonsten heterogen alternativ. Sehr angenehme Atmosphäre. Die Bühne ist karg, das Schlagzeug, ein zerfleddertes Sonor aus den 80ern ohne Resonanzfelle, steht fast direkt am Bühnenrand, die Musiker haben offensichtlich keine Berührungsängste mit ihrem Publikum. Like. Und dieses Knistern in der Luft, unglaublich. Als Scout die Bühne betritt, sagt niemand ein Wort. Das ganze Strom hält die Luft an. Keiner will einen Ton von ihr versäumen, keinen Hauch, keinen Mucks. Die Masse – vereint in dieser zerebralen Erwartungshaltung, dieser kollektiven Empfängnis, – starr vor Freude. Scout Niblett steht etwas verloren auf der Bühne und hat es einfach, dieses Etwas, diese Magie, die frei wird, wenn sie an ihrer brummigen Gitarre reißt. Mit geschlossenen Augen besingt Sie Ihr Scheitern, verarbeitet Ihre Beziehungsschwierigkeiten und Sehnsüchte und lässt sich dabei ganz tief in die Seele schauen. Manche spielen das auf der Bühne, aber sie ist es voll und ganz. Bei ihr verschwimmen die Erzählperspektiven, ihr nimmt man die Psychopathin leider wirklich ab, die sie in Ihren Texten gibt („I think, I’m gonna buy me a gun“). Im Widerspruch zu ihrer schüchternen Erscheinungsweise bekommen ihre Lyriks dann diese Wucht, weil man nicht mit dieser Melancholie rechnet, und deshalb umso stärker in ihren Sog aus Verbitterung und Elend schlittert („but I want to surrender/I want the tears to come/the sooner they start/the sooner I’ll be done“).

Natürlich vergeht dieses Konzert viel zu schnell, was immer ein guter Indikator für gute Konzerte ist.  Ich missachte nörgelnde Fans mit ihrem „in Hamburg war sie viel besser“-Gejaule, und bitte darum, mich nicht von meinem Hochplateau zu holen. Was für ein Abend, was für eine großartige Künstlerin. Zum unglücklich verlieben.

Andy Krumbiegel

 

Hasemanns Töcher. Straubing. Raven

Bayerisch, lustig, zümpftig. Oh mein Gott, bitte nicht. Komik, Musik, Dialekt, – das sind allesamt ganz diffizile Systeme, da ist leicht mal ein kleiner Systemabsturz vorprogrammiert. Und erst noch die Kombination aus allem. Hasemanns Töchter so scheint es, probieren genau das. Umso gespannter sind wir, als wir uns am Ostersonntag ins Raven nach Straubing begeben, um dort dem neuesten Pferd im Trikont-Stall ins bzw. aufs Maul zu schauen.  Wir sind nicht die einzigen, HT können in Straubing auf ein volles Haus zählen, schnell hat sich im Folklore-Underground herumgesprochen, dass es hier ein paar Lacher abzustauben gibt. Als Straubinger Töchter, die aber mittlerweile München ihr Zuhause nennen, können sie auch friends & family im Publikum begrüssen. Vor der Bühne klebt ein kleines Post-it mit der handgeschriebenen Aufschrift: Füttern verboten. Mit nichts weiter als zwei kleinen 48-Bässe Akkordeons betreten Hasemanns Töchter dann endlich die Bühne, nehmen aber gleichzeitig den ganzen Raum ein. Das liegt vor allem an ihrer charismatischen Art, die über die kleine Bühne hinausschwappt.  Denn die beiden im Streifenhemdchen-Dirndl-Look auf süß getrimmten Fräuleins Maria Hafner und Julia Loibl besingen mit frecher bajuwarischer Zunge Münchner Gschichten, wie sie der Monaco Franze nicht besser hätte wiedergeben können: Vom Baden in der renaturierten Isar, das eher an einen Splatter-Movie (Isarsplittern) erinnert; über die Annette, die ausgerechnet am Oktoberfest auf ihren Biovollkornnudelauflauf ohne Tier besteht, oder die vergebene Liebesmüh, wenn es nix bringt, mit Stöcklschuhen fesch am Herd zu frohlocken, weil es nicht funken will („Es hod ned gfunkt“). Zum Einbremsen tragen die Töchter dann aber ihre Agnes vor, ein düsteres Stück über die Bernauerin, einer Baderstochter, die sich einst über die Standesgrenzen hinweg in den bayerischen Herzog Albrecht III. verliebt hatte, weshalb sie vom Mob in der Donau ertränkt wurde. Hard Stuff, Gänsehaut, Stille – „Und im Wasser die Fisch machan ihre Augen zua“. Wow. Sprache so mächtig, so gewaltig. Was HT auszeichnet ist sowieso dieser anarchisch erfrischende Umgang mit Sprache, mit Dialekt. Der ist ihnen nicht heilig, sondern wird einfach gebogen und gedreht, wie es Ihnen passt. Das wird in  das Odelwoass, auf die Spitze getrieben, das nach einer oberbayerischen Dialektdichterin Irrungen und Wirrungen beinahe Jandlschen Außmaßes einer misslungenen Vermählung des Hochdeutschen mit dem Bayerischen offenbart. In Leberkas zeigt sich abermals das Augenzwinkern, mit denen HT über allzu Weltliches hinweglächeln helfen. Ganz filigran verschmelzen hier zwei Erzählstränge – wo zunächst vom Wirtshausbesuch die Rede ist und von der Lust, mal eine „Bsonderheit zu naschen“, wird schnell klar, dass es sich dabei ums andere Geschlecht handelt. Jedoch bleibt die metaphorisch-kulinarische Auswahl trotz aller Bemühungen stets auf Leberkas beschränkt („Ja guat, dann halt an Leberkas, da stirb i a ned dro“).

Hasemanns Töchter sind grandiose Sprachvirtuosen, die mit ihren hintersinnigen Texten und ihrer Hasemannschen Wortakrobatik die Grenzen ihrer Sprache ständig neu ausloten. Dank ihrem kecken Wortwitz gelingt es Ihnen, den Tücken des Alltags noch heitere Seiten abzugewinnen. Dabei oszillieren Hasemanns Töchter zwischen Jodeldiplom, Chanson und Zwiefachem,  blödeln (im positiven Sinne) herrlich vor sich hin, ohne ins Seichte abzudriften. Das ist ganz großes Tennis. Erst nach ein paar Zugaben dürfen HT schließlich von der Bühne. Wir müssen ohnehin nach Hause.
Zum Leberkas.
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Gilbert A. Schuster

Canceled: Mardi Gras BB

Und dann steht der Termin und bricht doch wieder weg: Aus dem Kapitel „Wenn mal der Wurm drin ist…“. Schön wärs gewesen – nach langer Suche finden wir endlich in Straubing eine Location, in der wir MGBB am 10. Mai veranstalten können. Ein Bier mit dem Clubbesitzer und eine SMS später stehen also Termin und Location, und wir setzen unsere Werbemaschinerie in Gang. Plötzlich – Bedenken tauchen auf, Folgegig ist das Redbox in Dingolfing, ein unterstützenswertes Festival, das mit viel Engagement und Herzblut alternative Bands holt, MGBB sind dort am 11.Mai Headliner. Anrufe, glühende Telefondrähte, Börsencrash. Ja, 50 km ist keine Strecke mehr, seitdem das Auto erfunden worden ist, aber mal ehrlich – wer fährt schon nach Dingolfing, wenn er nicht am Fließband von BMW steht? Wer fährt nach Straubing, wenn er sich nicht im Volksfest seine Leber stopfen lassen möchte? Der Kampf der Mittelstädte findet auf kulturellem Terrain doch innerstädtisch statt und nicht untereinander. Aber egal. Obwohl es vertraglich keinen festgelegten Gebietsschutz gibt, ist niemand so richtig happy. Und weil dasgutekonzert kein Hedge Fond ist, einigen sich am Schluss lieber alle darauf, die Party abzublasen, anstatt sich stur an Strohhalmen festzuhalten. Enttäuschend zwar, ob der ganzen Vorarbeit. Versöhnlich aber, wenn man anständig miteinander umgehen kann. In diesem Sinne – go, get ‚em – 11.Mai, Dingolfing, gleich neben dem Fließband.

Gilbert A. Schuster

Filmriss für Tiger

Plattenfilme. Eine feste Größe bei der Regensburger Kurzfilmwoche. Musikfanatiker Jens hat eine Karte für mich übrig.  Und so komme ich nach etlichen Jahren, in denen ich vergeblich versucht hatte, diesem Event beizuwohnen, endlich in den Genuss, dabeisein zu dürfen.  Hier werden Kurzfilme von regionalen DJs vertont, die vorne neben der Leinwand ihre schwarzen kratzigen Vinylscheiben auflegen. Wie immer, sind die Plattenfilme auch dieses Jahr wieder lange zuvor ausverkauft. Traurige Gesichter an der Abendkasse. Wir setzen uns in die zweite Reihe, mit gutem Blick auf die Soundbastler. Natürlich interessiert es uns als Hobby-Djs, was die Profis so treiben, wer den DJ Shadow gibt, die fiesen Cuts drauf hat. Wir werden nicht enttäuscht, auch wenn sich die Performance der DJs stärker an der Stimmung der Filme zu orientieren hat, als an der des Publikums. Und das treibt ziemlich skurrile Blüten. Denn – wer möchte schon den Soundtrack zu einem Filmdebakel liefern, indem sich ein depressives Nudisten-Wollmännchen im Wald verirrt, um sich dort in Wolle-Godzilla zu verlieben (OH WILLY, Regie: Emma de Swaef, Marc James Roels Belgien 2012)? Niemand. Art is a dirty job but someone’s gotta do it. Und so trifft es einen Rockabilly-DJ, der seine Arbeit zwar gut macht, dessen Party-Knaller den Film in seiner Absurdität aber ungewollt noch steigern. Ansonsten erlebt das bis auf den letzten Kinosessel gefüllte Ostentorkino, welch manipulative Kraft Musik innewohnen kann. Die ist mal witzig, mal verstörend, größtenteils aber mit einem sehr glücklichen Händchen ausgewählt. Bild und Ton im Einklang. Zwischen den Filmen holt Insa Wiese, Organisatorin der Kurzfilmwoche, die Plattenreiter hinter ihren Turntables hervor und frägt nach Inspirationsquellen, Intention und Vorbereitungszeit. Und siehe da – der eine hat sich vier Wochen auf die Vertonung vorbereitet, der andere nur 2-3 Tage. Trotzdem gelingt allen eine unglaublich gute Untermalung, die sich nicht in den Vordergrund drängelt, sondern den Bildern dient.  In den besten Momenten scheint es, als brächten Breakbeat-, Ambient-, Industrial- oder Rockabilly-Klänge die Bilder zum Tanzen. Doch bei DJ Tom Tiger reißt der Film. Denn die Technik hält eine unangenehme Überraschung für ihn bereit: Sein Kurzfilm ist gänzlich anders geschnitten, als der zur Vorbereitung zur Verfügung gestellte. Was solls. Tiger nimmts lässig. So entsteht Komik. Und das Publikum dankt es mit Applaus. Spätestens hier wird klar, was den Reiz dieser Veranstaltung ausmacht. Klang und Bild, – ein Bund fürs Leben. Wie guter Wein und gutes Essen, frisch kredenzt, am besten.

DJ Loonytune im Gespräch mit Insa Wiese @Kurzfilmwoche / Regensburg

DJ Loonytune im Gespräch mit Insa Wiese @Kurzfilmwoche / Regensburg

Gilbert A. Schuster

Derzeit…

Bildschirmfoto 2013-03-16 um 00.46.45…kümmern wir uns gerade um das Ticketing (wie es so schön heißt), damit ihr auch alle wieder schöne Hard-Tickets in den Händen halten könnt. Und – so kleine Tickets…sind das nicht unheimlich tolle Geschenke mit denen Ihr beweisen könnt, dass Ihr Eure Liebsten für kulturell Interessierte Menschen haltet? Sie werden es euch danken. Probiert es aus:-)

PJ20

„I always hated that band“, lästert Kurt Cobain in der Doku „PJ20“ von Cameron Crow. Die Rede ist von Pearl Jam, aber gemeint hatte Cobain eigentlich den Grunge-Hype, der Anfang der 90er einsetzte und sich wie ein Erdbeben von Seattle aus über die ganze Welt verbreitete.  Dass Grunge aber weit mehr war als lange Haare, rote Karohemden und ausgelatschte Chucks, die vitale Musikszene Seattles nicht nur Nirvana hervorbrachte, zeigt Crow exemplarisch an Pearl Jam – 20 Jahre nach ihrer Gründung. Er trägt die vielen Puzzleteilchen zusammen, spannt den Bogen bis zur Gegenwart. Die Rückblicke lässt er – jetzt mit dem nötigen Abstand – Ament, Gossard, McCready, Cameron und Vedder selbst vornehmen. Und die erzählen frei weg von der Leber, als stünde kein Kamerateam im Raum. So gelingt Crow das große Ganze, die Geschichte von Pearl Jam wird zum Epos einer Epoche, zumal auch Freunde, Fans und weitere Musiker aus Seattle zu Wort kommen. Es ist ein großer Verdienst Crows, sich der Band soweit zu nähern, dass sie offen über ihre biographischen Brüche sprechen: Den immer noch quälenden Verlust ihres Freundes Andy Wood (Mother Love Bone), den tragischen Heroin-Tod von Kurt Cobain, die verunglückten Konzertbesucher auf dem Roskildefestival 2000. Die Fülle an unveröffentlichtem Bildmaterial sowie die herrlich direkte und authentische Art der Protagonisten macht den Film zu einem Erlebnis, gerade weil sich die Band über so viele Jahre, Katastrophen und Chart-Platzierungen treu geblieben ist. Typisch dafür ist folgende Szene: Als das Kamerateam dem Gitarristen Stone Gossard in seinen Keller folgt, um sich auf die Suche nach Erinnerungsstücken zu machen, stolpern sie zufällig über eine kleine goldene Figur:  „Oh look, what’s there – it’s a Grammy“. Eine der bedeutendsten Auszeichnungen für Musiker – verstaubt im feuchten, dunklen Keller. Das hätte auch Kurt Cobain gefallen. Teen Spirit, alive.

Grunge-A-Billy

Sängerin gesucht: Du solltest dein Klassik-Hochschulstudium aus Liebe zur Musik abgebrochen haben. Weil du ein paar Monate auf der Straße gelebt hast, verfügst du über ein großes Maß an Street-Credibility. Schlechte Knast-Tätowierungen runden dein Profil ab. Stilistisch bewegst du dich sicher zwischen Elvis, Phil Anselmo und natürlich John Garcia (wenn Dir diese drei Namen nichts sagen, kannst du eigentlich gleich zu lesen aufhören), und nicht nur heimlich bist du großer Fan von the horrorpops und mad marge and the stone cutters.
Dein großer Bruder spielt zufällig Kontrabaß, verfügt wie du über langjährige Erfahrungen als Bandmitglied in Rock-A-/Punk-A/Goth-A/Psycho-O-Billy Bands und möchte mit dir schon lange etwas neues starten, z.B. eine Grunge-A-Billy Band, deren einziges Ziel es ist, die Temple-of-the-Dog des Rockabilly zu werden.
Ein Slot auf dem Satanic Stomp ist dir sicher. Go, Wilma, greif zum Telefon.