Rage.

Ich tauche mit dieser mystischen Schönheit in das Regensburger Nachtleben. Es ist immer das gleiche Spiel. Wir kennen uns noch nicht sehr lange, banale Dinge wie gemeinsam Weggehen sind noch aufregend, neu, ungeplant. Wir probieren unbekannte Kneipen aus, es gibt ja soviele in Regensburg. Neuland. Terra incognita. Das hat den Vorteil, sich voll und ganz aufeinander einlassen zu können, weil man keine Bekannten trifft. Diesmal gehen wir in die No.7 Bar.  Man leistet sich einen Türsteher, aha, kommt nicht jeder rein. Wir schon. Innen drin, alles schön rot ausgepinselt und so wie man sich einen Club vorstellt. Viele Spiegel, hübsches Thekenpersonal, obligatorisch tätowiert. Ü30-Publikum.
Wir quälen uns in den hinteren Teil durch. Vorbei an der Lounge wo man lässig im Sessel seinen Martini schlürfen kann, in das Herz einer jeden Kneipe – da, wo der DJ die Besoffenen dirigiert. Hier legt ein junger Cap-Träger auf, natürlich hat er keine Platten dabei, aber ein schickes MacBook. Und irgendwann biegt er bei seinen Elektroausflügen in die Heavy Rock Avenue ab.  „Cut my life into pieces, this is my last resort“, trällert Jocoby Shaddix von Papa Roach schon aus den Boxen, im Anschluss kommt Dookie von Green Day. Mir wird etwas mulmig im Magen. Manche Dinge funktionieren nicht, wenn man sie zu sehr will. Das gilt erst recht beim Auflegen. Aber er will es.  Und dann passiert es. Seine Komposition aus Billboard-Charts kulminiert in „Killing in the name of“ von Rage Against The Machine. Man wird heute schwerlich einen Enddreißiger finden, der nicht irgendwann einmal zu „Wake up“, „Bombtrack“ und natürlich „Killing in the name of“ in der Provinz-Großraumdisko seines Vertrauens abgepogt hat. Und das war irgendwann auch das Problem an dieser Band – ihre Mainstreamtauglichkeit. Aber ihr Erstlingswerk war einfach zu genial und die Nevermind-geschwängerte Luft der Neunziger hinterließ einen extrem fruchtbaren Nährboden für diese Mischung aus Hip-Hop, Metal und Funk. Völlig zurecht setzte der amerikanische Rolling Stone das Album auf Platz 368 der besten Alben aller Zeiten (zur Einordnung – L.A. Woman von den Doors ist auf dem Siegertreppchen eine Stufe vor Ihnen, Platz 367). Den Einfluss auf die Musikgeschichte muss Sam Dunn („Metal Evolution“, „A Headbangers Journey“) analysieren. Aber an Rage against the Machine kam man in den 90ern nicht vorbei. Nicht auf der Klassenfahrt, nicht auf der Geburtstagsparty, nicht im Jugendzentrum. Ihr politisches Engagement ging trotz Frank-Bsirske-mäßigem Schäumen des Sängers leider immer etwas unter, dennoch auch hier – volle Punktzahl. Aber das ist lange her. Man wird heute schwerlich eine Enddreißiger finden, den nicht das gleiche stromlinienförmige Schicksal wie seine Generation ereilt hat: Haare abschneiden, Abitur, Zivildienst, Studium, Heirat, 1,38 Kinder, Haus bauen, SUV, Kredit zurückzahlen, fröhliches Angela-Merkel-Land. Da braucht es dann am Wochenende wohl einen DJ, der die Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit weckt. Das scheint mit „Killing in the name of“ vorzüglich zu klappen. Und siehe da – plötzlich pogen diese schmerbäuchigen FDP-Wähler, die neben uns im Eck gestanden haben, lassen sich vom Beat tragen auf einer Welle harmonischer Einigkeit und skandieren mit gestreckter Faust „Fuck you, I won’t do what you tell me“. So als wollten Sie es ihrer Ehefrau, oder ihrem Boss entgegenbrüllen. Dieser Anblick ist schon fast so irritierend wie einst Volker Kauders Gesangseinlage von „An Tagen wie diesen“, als die Union ihren Wahlsieg mit dem Song der Toten Hosen feierte. Es gibt Lieder, die von den Falschen gesungen werden. Und es gibt Songs, die von den Falschen falsch gesunden werden. Und als wäre dieses Bild von übergewichtigen, sich wie Zuchtbullen anspringenden Bankangestellten nicht schon bizarr genug, singen diese jetzt ausgerechnet bei der Textzeile „And now you do what they told’ya“ laut „jetzt leih ma du deine Turnschua“. Ich kannte diese Unart leider schon, wenn auch nur passiv-rezeptiv. Da meine Begleitung des Bayerischen nicht mächtig ist, übersetze ich ihr, was meine an BSE-erkrankten Mitmenschen gerade aus dieser Hymne machen. Sie ist geschockt bis fassungslos. Die Welt war in Ordnung, solange sie dieses bajuwarische Gestammel nicht dekodieren konnte. Nie wieder wird sie diesen Song unbeschwert hören können, er ist entehrt. Für immer. Ich habe „Killing in the name of“ ein zweites Mal sterben sehen. Bis ich das, was man mit 1,8 Promille aus diesem Song machen kann, verstehe, brauche ich mindestens noch 1,38 Kinder, eine Heirat und einen SUV vor dem Eigenheim. Bis dahin gehen wir in andere Kneipen, es gibt ja soviele davon, in Regensburg.

 

Gilbert A. Schuster
PS: Nachfolgende Apples Version ist hard funk. Vor 2 Jahren noch lustig beim Auflegen.