Die unendliche Geschichte. Vespa Impossible.

Eine Charaktereigenschaft, die dem männlichen Geschlecht nachgesagt wird ist ja, dass es sich gerne überschätzt. In der Motivations-Lehre ein Riesen-Thema. Man braucht ja schließlich Großmut und taube Alarmrezeptoren, um Heldentaten zu vollbringen. Heißt übersetzt, die Erfolgsaussichten steigen, wenn man sich was zutraut. (So hat übrigens auch dasgutekonzert begonnen. Einfach mal starten, GEMA, Künstlersozialkasse und zickige Musiker kamen noch früh genug, um zur Erdung beizutragen).

Die jüngeren Ausflüge nach Phantásien habe ich im Sommerurlaub 2018 unternommen. Wenn andere Weltmeere umsegeln, ihre vierte Fremdsprache lernen oder zum Yoga-Retreat nach Santa Cruz düsen, trotzt etwas in mir und verlangt nach Anti-Urlaub: uncool, bodenständig, langweilig. Warum also nicht ein paar Tage freinehmen, daheim bleiben und die alte Vespa reparieren? Meine Eltern wollten eh für eine Woche wegfahren und so bot es sich an, die vorhandene Infrastruktur zu nutzen. Hey – ich brauche eine Woche Eure Garage, aber hüte dafür Euer Haus (und euren Weinkeller)! Deal? Eine Woche sollte der Zeitraum sein, in dem die Vespa zerlegt, die Motorrevision erledigt und wieder zusammengeschraubt ist. Little did I know. Was habe ich gelacht. Selbstüberschätzung.

Am Anfang steht der Transport. Die ersten fünfzig Euro sind schon weg.

Anfangsschwierigkeiten.
Schon das Teilen des Motorblocks in zwei Motorhälften gestaltet sich schwierig. Ein Amalgam aus Schlontz und Salzwasser hat die Motorgehäusebolzen über die Jahre so festzementiert, dass kein WD40 – grundsätzlich die Lösung aller Probleme – mehr helfen kann. Die kleinen Auto-Werkstätten in der Nachbarschaft sind damit überfordert, ich solle zu Michaelis fahren, Motorinstandsetzung, da werden Sie geholfen. Dort werde ich vorstellig. Hier sind die Dimensionen etwas größer: es werden Bus- und Schiffsmotoren repariert. Ich stehe mit einem Vespa-Motor in der Tür. Entsprechend werde ich wahrgenommen. Aber eine Woche und 70 Euro später habe ich endlich zwei Motorhälften. Die Reise kann beginnen.

Endlich getrennt – die Motorhälften.

Retardierendes Moment.
Dank youtube und einem Video von Nils Homann (Vespa Smallframe-Motoren zerlegen) komme ich gut voran. Hauptwelle, Kupplungskorb, Schaltgabel ausbauen, alles kein Problem. Ich fühle mich an die golden era erinnert, in der jedes Nachbar-Kind sein ferngesteuertes Modellauto zusammenbaute, und mit Klassikern wie z.B. dem Sand-Buggy Grashopper von Tamya (540er-Motor) Straßenrennen im Maßstab 1:10 fuhr. Ich nehme Butterbrot-Papiertüten, in denen ich chronologisch jedes ausgebaute Teil des Motors ablege und sie beschrifte. Weil das Garagentor offen steht, schauen Passanten neugierig rein oder kommen gleich direkt auf mich zu. Beim Anblick der Butterbrottüten höre ich mindestens zweimal den Satz: „Du hättest Lehrer werden können!“

„Du hättest auch Lehrer werden können“ – so die Meinung nachdem ich meine Motorteile ordentlich eingetütet hatte.

Das Lagerausschlagen und -Einbauen gestaltet sich einfacher als gedacht. Physik hilft: Eisspray und Heissluftfön sorgen für Dehnung (des Motorgehäuses) bzw. Zusammenziehen (der Lager), größere Gewaltexzesse bleiben aus. Was einem das Video trotzdem nicht beibringen kann, ist das Handwerk selbst – wie fest haue, drücke, ziehe ich? Wann reicht es, wo muss ich nachhelfen? Im Zweifel gehe ich zu zaghaft ran, um das Motorgehäuse nicht zu beschädigen. Auch wieder falsch, wie sich später rausstellt. Dem Kurbelwellen-Lager hätten etwas mehr Newton nicht geschadet, beim Anschrauben der Zündgrundplatte (also nach dem Austausch aller Lager und Zusammenfügen der Motorhälften, quasi auf der Zielgeraden) stellt sich nämlich heraus, dass da was klemmt, und „gehen Sie nicht über Los, stecken Sie keine 4000 Euro ein“ bedeutet. Vespa-Zen. Es geht schon längst nicht mehr um den Roller. So wie ich hier an den richtigen Schrauben drehen muss, muss ich auch an meiner Selbstmotivation schrauben. Aufgeben kommt nicht in Frage.

Lager rauszufieseln ohne richtiges Werkzeug macht keinen Spass. Es tröstet nicht, dass die Werkstätten, zu denen man die Motorhälfte bringt, es auch nicht ordentlich können. Lagerabzieher und entsprechendes Einbauwerkzeug leisten sich die wenigsten.

Endspurt.
Es läuft eben selten nach Plan, wenn man sich im Tal italienischer Ingenieurskunst bewegt (ich zitiere hier nur, aber kann das mit einiger Empirie auch bestätigen).  Vor allem, wenn du die gleiche Herangehensweise hast, wie Tim Mälzer beim Kochen. Ist Vespa Impossible dann zu gewinnen? Die Befürchtung meiner Eltern, ihre Garage für immer verloren zu haben – „Glaubst du, wir können im Winter die Garage wieder nutzen?“ – trat jedenfalls nicht ein. Nach etlichen Telefonjokern, tatkräftiger Unterstützung eines Freundes und seinem selbstgebauten Werkzeug können wir die Kurbelwelle von außen so anziehen (ein Geräusch wie beim Sektkorken-Knallen-Lassen, vielleicht auch nur imaginiert), dass sich die Zündgrundplatte nicht mehr mit dem Polrad verkeilt und dieses frei drehen kann. So fühlt sich Glück an! Aber dann fängt der Vergaser an zu spinnen, die Soße läuft komplett raus, trotz mehrmaligem Säubern kann ich das Leck nicht beheben. Wieder Freund-Joker und Druckluft-Reinigung. Bis zum ersten Mal der Kickstarter gekickt wird, vergehen noch ein paar Tage, aber das Licht am Ende des Tunnels ist erkennbar. Schnitt. Die Vespa schnurrt jetzt wie ein Kätzchen. Wie ein altes Kätzchen, aber sie schnurrt. Und sie fährt. Okay, momentan zwar ohne Licht, weil ich auch noch einen neuen Kabelbaum eingezogen habe und dieser nicht mit der von meinen Vorgängern verbastelten Kabelsuppe harmoniert. Trotzdem – die alte Vespa fährt. Operation geglückt. Ich bin fähig, Hände in öligem Sudoku zu baden. Ein gutes Gefühl.
Für diesen Sommer habe ich Yoga-Retreat in Santa Cruz gebucht.

Gilbert A. Schuster