Filmriss für Tiger

Plattenfilme. Eine feste Größe bei der Regensburger Kurzfilmwoche. Musikfanatiker Jens hat eine Karte für mich übrig.  Und so komme ich nach etlichen Jahren, in denen ich vergeblich versucht hatte, diesem Event beizuwohnen, endlich in den Genuss, dabeisein zu dürfen.  Hier werden Kurzfilme von regionalen DJs vertont, die vorne neben der Leinwand ihre schwarzen kratzigen Vinylscheiben auflegen. Wie immer, sind die Plattenfilme auch dieses Jahr wieder lange zuvor ausverkauft. Traurige Gesichter an der Abendkasse. Wir setzen uns in die zweite Reihe, mit gutem Blick auf die Soundbastler. Natürlich interessiert es uns als Hobby-Djs, was die Profis so treiben, wer den DJ Shadow gibt, die fiesen Cuts drauf hat. Wir werden nicht enttäuscht, auch wenn sich die Performance der DJs stärker an der Stimmung der Filme zu orientieren hat, als an der des Publikums. Und das treibt ziemlich skurrile Blüten. Denn – wer möchte schon den Soundtrack zu einem Filmdebakel liefern, indem sich ein depressives Nudisten-Wollmännchen im Wald verirrt, um sich dort in Wolle-Godzilla zu verlieben (OH WILLY, Regie: Emma de Swaef, Marc James Roels Belgien 2012)? Niemand. Art is a dirty job but someone’s gotta do it. Und so trifft es einen Rockabilly-DJ, der seine Arbeit zwar gut macht, dessen Party-Knaller den Film in seiner Absurdität aber ungewollt noch steigern. Ansonsten erlebt das bis auf den letzten Kinosessel gefüllte Ostentorkino, welch manipulative Kraft Musik innewohnen kann. Die ist mal witzig, mal verstörend, größtenteils aber mit einem sehr glücklichen Händchen ausgewählt. Bild und Ton im Einklang. Zwischen den Filmen holt Insa Wiese, Organisatorin der Kurzfilmwoche, die Plattenreiter hinter ihren Turntables hervor und frägt nach Inspirationsquellen, Intention und Vorbereitungszeit. Und siehe da – der eine hat sich vier Wochen auf die Vertonung vorbereitet, der andere nur 2-3 Tage. Trotzdem gelingt allen eine unglaublich gute Untermalung, die sich nicht in den Vordergrund drängelt, sondern den Bildern dient.  In den besten Momenten scheint es, als brächten Breakbeat-, Ambient-, Industrial- oder Rockabilly-Klänge die Bilder zum Tanzen. Doch bei DJ Tom Tiger reißt der Film. Denn die Technik hält eine unangenehme Überraschung für ihn bereit: Sein Kurzfilm ist gänzlich anders geschnitten, als der zur Vorbereitung zur Verfügung gestellte. Was solls. Tiger nimmts lässig. So entsteht Komik. Und das Publikum dankt es mit Applaus. Spätestens hier wird klar, was den Reiz dieser Veranstaltung ausmacht. Die Songs kommen eben nicht stur aus der Konserve. Es bedarf noch eines musikbegabten Zeremonienmeisters, der Klang und Bild eins werden lässt. Offen bleibt bis zum Schluss, ob der DJ dem Druck hunderter Musikaficionados standhält, das richtige Sounddesign wählt oder von der Technik boykottiert wird. Im besten Fall erwacht Musik dann zu neuem Leben mit einer physischen Präsenz, von der man sich gerne überwältigen lässt. Im Falle von OH WILLY tröstet es aber auch zu wissen –  so ein Kurzfilm wird nicht ewig dauern.

DJ Loonytune im Gespräch mit Insa Wiese @Kurzfilmwoche / Regensburg

DJ Loonytune im Gespräch mit Insa Wiese @Kurzfilmwoche / RegensburgGilbert A. Schuster