Hasemanns Töcher. Straubing. Raven

Bayerisch, lustig, zümpftig. Oh mein Gott, bitte nicht. Komik, Musik, Dialekt, – das sind allesamt ganz diffizile Systeme, da ist leicht mal ein kleiner Systemabsturz vorprogrammiert. Und erst noch die Kombination aus allem. Hasemanns Töchter so scheint es, probieren genau das. Umso gespannter sind wir, als wir uns am Ostersonntag ins Raven nach Straubing begeben, um dort dem neuesten Pferd im Trikont-Stall ins bzw. aufs Maul zu schauen.  Wir sind nicht die einzigen, HT können in Straubing auf ein volles Haus zählen, schnell hat sich im Folklore-Underground herumgesprochen, dass es hier ein paar Lacher abzustauben gibt. Als Straubinger Töchter, die aber mittlerweile München ihr Zuhause nennen, können sie auch friends & family im Publikum begrüssen. Vor der Bühne klebt ein kleines Post-it mit der handgeschriebenen Aufschrift: Füttern verboten. Mit nichts weiter als zwei kleinen 48-Bässe Akkordeons betreten Hasemanns Töchter dann endlich die Bühne, nehmen aber gleichzeitig den ganzen Raum ein. Das liegt vor allem an ihrer charismatischen Art, die über die kleine Bühne hinausschwappt.  Denn die beiden im Streifenhemdchen-Dirndl-Look auf süß getrimmten Fräuleins Maria Hafner und Julia Loibl besingen mit frecher bajuwarischer Zunge Münchner Gschichten, wie sie der Monaco Franze nicht besser hätte wiedergeben können: Vom Baden in der renaturierten Isar, das eher an einen Splatter-Movie (Isarsplittern) erinnert; über die Annette, die ausgerechnet am Oktoberfest auf ihren Biovollkornnudelauflauf ohne Tier besteht, oder die vergebene Liebesmüh, wenn es nix bringt, mit Stöcklschuhen fesch am Herd zu frohlocken, weil es nicht funken will („Es hod ned gfunkt“). Zum Einbremsen tragen die Töchter dann aber ihre Agnes vor, ein düsteres Stück über die Bernauerin, einer Baderstochter, die sich einst über die Standesgrenzen hinweg in den bayerischen Herzog Albrecht III. verliebt hatte, weshalb sie vom Mob in der Donau ertränkt wurde. Hard Stuff, Gänsehaut, Stille – „Und im Wasser die Fisch machan ihre Augen zua“. Wow. Sprache so mächtig, so gewaltig. Was HT auszeichnet ist sowieso dieser anarchisch erfrischende Umgang mit Sprache, mit Dialekt. Der ist ihnen nicht heilig, sondern wird einfach gebogen und gedreht, wie es Ihnen passt. Das wird in  das Odelwoass, auf die Spitze getrieben, das nach einer oberbayerischen Dialektdichterin Irrungen und Wirrungen beinahe Jandlschen Außmaßes einer misslungenen Vermählung des Hochdeutschen mit dem Bayerischen offenbart. In Leberkas zeigt sich abermals das Augenzwinkern, mit denen HT über allzu Weltliches hinweglächeln helfen. Ganz filigran verschmelzen hier zwei Erzählstränge – wo zunächst vom Wirtshausbesuch die Rede ist und von der Lust, mal eine „Bsonderheit zu naschen“, wird schnell klar, dass es sich dabei ums andere Geschlecht handelt. Jedoch bleibt die metaphorisch-kulinarische Auswahl trotz aller Bemühungen stets auf Leberkas beschränkt („Ja guat, dann halt an Leberkas, da stirb i a ned dro“).

Hasemanns Töchter sind grandiose Sprachvirtuosen, die mit ihren hintersinnigen Texten und ihrer Hasemannschen Wortakrobatik die Grenzen ihrer Sprache ständig neu ausloten. Dank ihrem kecken Wortwitz gelingt es Ihnen, den Tücken des Alltags noch heitere Seiten abzugewinnen. Dabei oszillieren Hasemanns Töchter zwischen Jodeldiplom, Chanson und Zwiefachem,  blödeln (im positiven Sinne) herrlich vor sich hin, ohne ins Seichte abzudriften. Das ist ganz großes Tennis. Erst nach ein paar Zugaben dürfen HT schließlich von der Bühne. Wir müssen ohnehin nach Hause.
Zum Leberkas.
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Gilbert A. Schuster